Mensch, ärgere dich nicht!

Ein Projekt der Kurt-Tucholsky-Oberschule, Pankow

Gedicht von Clara-Josephine Drews

„Wir beide steh’n hier und schauen uns an.
Du dort drüben, ich dir gegenüber in einer Bahn.
Du willst mit mir ein Spiel beginnen,
und du bist sicher heiß drauf zu gewinnen.“

„Meine sind die Roten:“
„Ich nehme die Blauen:“
„Beginnst du?“
„Eins noch, Schummeln, das ist aber verboten!“
Und während der Würfel sich um alle Seiten dreht,
während der eine noch immer da so vor dem and’ren steht,
erwachen aus dem nichts,
Figuren mit Gesicht.

Und nach wenigen Schritten halt,
der erste Blaue hastig stehen bleibt,
voll Zuversicht und Willenskraft,
hat er sich schon jetzt einen weiten Vorsprung verschafft.

Die Stimmung weiter ausgeglichen,
Figur um Figur wird in das Spiel gewiesen,
und keiner denkt auch nur daran,
dass das mal böse enden kann.

„Wie kann es sein,
ich versteh es nicht,
dass du schon wieder am Gewinnen bist?
Und ich nicht!“
„Weil ich schon drei im Ziel nun habe,
und du nicht mal den einen,
was für eine Frage?“

Und auch unter den roten kleinen Männern
herrscht verständnisloses Aufseh’n,
denn niemand will sich daran erinnern,
gar eingesteh’n,
dass Blau nun einfach schneller war,
und stehe vermutlich bald als Gewinner da.

Und so steht dem blauen Hütchen viel zu nah,
ein rotes Hütchen, bald schon da.
um Feld für Feld rückt es nach vorn,
fängt an zu sprinten,
und liegt am Ende nur noch um zwei Felder hinten.

Denn wenn blau gewinnt,
und noch vorher in das sichere Ziel springt,
wird Rot ein weiteres Mal verlieren.
Und Blau sich wohl kaum zieren,
Rot als Verlierer zu schikanieren.
„Sieh dich nur um, bin noch immer hinter dir.
Ich werde dich zu zügeln wissen,
dich und deine Gier.“
Sagt der Rote mögliche Verlierer hier.
Voller Hoffnung und letzter Zuversicht,
die nun nur noch aus ihm spricht.

Unter den Blauen bricht Panik aus.
Denn alle andern stehen bereits sicher zusammen im selben Haus.
„Herr Gott!“
„Oh nein!“
„Das darf nicht sein!“
Und rufend aus gegnerischer Ecke:
„Du schaffst das, hol ihn endlich ein!“
„Ich würfle jetzt,
siehst du es auch?
Du musst die Runde wiederholen,
denn du musst zurück ins Haus.“
„Das ist Betrug. Ich hab’s geseh’n!
Statt einer zwei durftest du nur einen geh’n.“
Und die Spielfiguren toben,
die Blauen schimpfen,
die Roten loben.
Und der rote kleine Wicht,
der vermeintlich der Lügner ist,
drückt sich ohne weiteres Wort,
vor zum blauen,
und schiebt ihn in Richtung Hause fort.
„Du Betrüger!“
Ruft dieser, der geschoben
„Gönnst mir nichts. Es ärgerst dich,
dass du nie den Ruhm, zur Ehre hast gehoben?“

„In deiner Gier,
merktest du doch nichts,
und dann war ich schon hier.“
„Welche Gier?“
„Warst du dir doch so sicher?
Ich glaube dein Gewinn war dir von Anfang an schon wichtiger!“

„Und aus dir spricht Neid“,
schubst einer der Blauen den Roten zurück.
„Manchmal hat man eben kein Glück!“
Das Spielbrett bebt,
die Figuren springen,
werden sie das Spiel denn noch zu Ende bringen?

Voller Wut entflammt die Missgunst erneut,
so legt der eine ohne Mitleid,
sicherlich nicht wissend um den eigenen Neid,
keineswegs, dass er es bereut,
seine Hände auf das Brett.

Und ohne weiteres Wort,
welches auf keinen Fall von Nöten ist,
denn zwischen ihnen bleibt ohnehin der Zwist,
kehrt er die Fläche,
und alle Figuren fliegen fort.
Und die Moral von der Geschicht?
Jeden Tag bleiben wir mal einen Schritt zurück,
oder zwei Schritte vor einem steh’n,
jeden Tag verlässt uns mal das Glück,
aber niemand kann uns unseren Willen neh’m,

der Gewinn ist nicht das gewonnene Spiel,
und Mogeln keine Garantie,
wir leben doch zwischen Start und Ziel,
und ein Streit ist nur die Anregung für das: wie?
Wie kann ich dir helfen?
Wie können wir unseren Streit abgelten?
Wie sonst?
Wie kann es sein,
dass du das alles immer gleich so gut hinbekommst?
Und was ist eigentlich wessen Schuld?
Lass uns einfach menschlich sein,
Lassen wir uns üben in Geduld,
denn so steht niemand mehr für sich allein.

Gier ist nur ein synonym für Egoismus,
Und Eifersucht fast immer präsent,
und weil wir sie nicht seh’n,
nicht sehen wollen,
ist’s schwer, sich diese Dinge einzugesteh’n.

Und sollten wir uns doch mal streiten,
wegen banalster Kleinigkeiten,
lass uns später drüber lachen,
lasst uns später drum bemühen
es nächstes Mal anders zumachen,
Streit ist nichts an dem eine Freundschaft zerbricht,
wichtig ist, dass man darüber spricht,
drum lass dir sagen:
Mensch, ärgere dich nicht!
Grinsend zieht er die anderen auf. 
„All euren Neid nehm’ ich in Kauf,“ 
Und ihm folgt ohne Wort, 
still und noch unbesorgt, 
ein rotes Figürchen, 
und zieht drei Felder vor sofort.
„Ich muss jetzt handeln. 
Mir bleibt keine Wahl. 
Ich muss gewinnen, ich verliere kein erneutes Mal.“
Und rufend aus gegnerischer Ecke: 
„Du schaffst das, hol ihn endlich ein!“
„Gut, wenn du dir deine Schuld nicht eingestehst, 
dann kann das Spiel nicht mehr so weiter geh’n!“

»In deiner Gier,
merktest du doch nichts,
und dann war ich schon hier.«

»Welche Gier?«

»Warst du dir doch so sicher?
Ich glaube dein Gewinn war dir von Anfang an schon wichtiger!«

Schüler:innen: 12. Klasse, Wahlkurs „Demokratie lernen und leben“ – Amelie, Angelina, Angelique, Cäthe, Clara, Elisa, Ellain, Elsa, Kira, Lilli, Leonarda, Luisa, Maren, Marie, Michelle und Sarah
Künstler:in: Felix Römer
Pädagog:innen: Felicia Thomaszewsky, Nora Kowitz
Kulturagent:in: Karin Schreibeis
Fotos: Antje Materna

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